Die Farbe Blau

Heute blau und morgen blau, und übermorgen wieder!

Nicht wie Sie meinen, ich meine damit Blau kommt irgendwie nie richtig aus der Mode. Zwar ändert sich mit dem Zeitgeist auch der allgemeine Farbgeschmack und damit auch der Marktanteil der Farbe Blau, aber ich kann mich nicht erinnern, dass Blau einmal gänzlich aus der Mode war.

Anhand meiner persönlichen Lieblingsfarben kann ich das verfolgen. Während ich in jungen Jahren immer pastelliges Hellblau favorisiert hatte, wohl eben weil ich ein Junge war, änderte sich der Lieblingsfarbton in Teenagerjahren zu einem strahlenden Kornblumenblau. Ein entsprechend lackiertes Moped aus dieser Zeit in der Garage und meine immer noch vorhandene Vorliebe für Tankstellen in eben dieser Farbgebung belegen dies. Heute trifft ein königliches Royalblau am ehesten meinen Geschmack. Wie ich an unzähligen blauen Autos, blau verpackten Produkten und blau Gekleideten in meiner Umgebung feststellen kann, ist diese Einstellung im Moment keine besondere Extravaganz.

Blau ist eine universelle Farbe, die Menschen über ihre Persönlichkeit, ihr Alter, ihr Umfeld und ihre Herkunft hinaus verbindet. Blau steht oft für Neutralität, Einheit und Frieden, daher auch die typische Farbe der Vereinten Nationen und der "Blauhelme". 

Vielleicht liegt es schon daran, dass die Erde als "blauer Planet" im Weltall kreist, eine Tatsache, die der Menschheit aber erst mit Beginn der Raumfahrt im 20. Jahrhundert bewusst wurde. Auf der anderen Seiten bietet das Blau des Himmels, hinter dem das unendliche Dunkel des Weltraums an klaren Tagen zurücktritt, einen Anblick, der jedem Menschen des Planeten bekannt ist. Damit wird Blau zur einzigen Farbe, die jeder kennt, obwohl nicht jeder einen Namen dafür hat. So kennen beispielsweise Japaner nur eine gemeinsame Bezeichnung für Blau und Grün.

Wohl diese Selbstverständlichkeit des Anblicks von Blau ist es, die die Farbe so gegenwärtig und angenehm, auf der anderen Seite jedoch auch neutral und emotionslos erscheinen lässt. Blau lässt einen eher zur Ruhe kommen, als dass es aktiviert oder anregt. Blau steht für Tiefe und Abstand, für Treue und Vernunft.

Der Brockhaus schreibt unter dem Stichwort Blau: "Farbengruppe im Spektrum zwischen grün und violett, Wellenlänge 440 bis 485 nm". Nicht mehr, nicht weniger.

Zwar ist Blau als Reflexion in Himmel und Wasser allgegenwärtig, natürliche Pigmente, die als Farbstoff geeignet sind, waren dagegen immer selten und damit kostbar.

So war von Alters her Blau eine Farbe des Wohlstands und des Adels, dem man ja auch blaues Blut nachsagt. Dort wo Pracht gefragt war und nur das Beste gut genug, wurde gerne Gold und auch Blaues eingesetzt. Schon in den Bauplänen des biblischen Tempels im Alten Testament wird die Anweisung, "blaues Purpur" zu verwenden, mehrfach wiederholt. Ähnliches galt in anderen frühen Kulturen, wie etwa in Ägypten.

Lange Zeit war die Farbe der Kleidung nicht nur eine Frage des persönlichen Geschmacks, sondern ein Zeichen für Wohlstand und Reichtum.

Der oft aus blauen Beeren und Blüten gewonnene Farbstoff war weder besonders brillant noch lichtecht. Erst mit dem kommerziellen Anbau von "Färberwaid" (lat. Isatis tinctoria), einer stattlichen Kreuzblütler-Pflanze, konnten blaue Pigmente in guter Qualität hergestellt werden. Die Nachfrage im Mittelalter war riesig und so wurde die Zeit von 1230 bis 1680 zu einem goldenen Zeitalter für die thüringische Stadt Erfurt und dem umliegenden Landstrich, wo man sich dem Anbau, der Verarbeitung und dem Vertrieb des Waids widmete. Noch heute sind dort die prachtvollen Häuser der Händler zu sehen, die ihren Wohlstand auf die blaue Farbe gründeten.

Aus dieser Zeit stammen übrigens auch die noch heute gebräuchlichen Redewendungen "einmal blau machen (nicht der Arbeit nachgehen), blauer Montag und blau sein (alkoholisiert sein)". Um Textilien mit der gewonnenen Farbe des Waids auszurüsten, nutzten die Färber ihren Urin für den chemischen Prozess in der Küpe (Färbebad). Zusätzlich beeinflusste Alkohol den Färbevorgang positiv, der erst durch das Trocknen an der Luft seinen sichtbaren Abschluss fand. So hatten die Färber einen guten Grund, kräftig dem Alkohol zuzusprechen, um dadurch den Anteil im Urin zu steigern. Solchermaßen engagiert am Werk, konnte es also gut vorkommen, dass dann am Montag, am Tag nach dem Färbevorgang, der traditionell sonntags erfolgte, die Färber mit entsprechend Restalkohol und wenig arbeitswillig unter den aufgehängten Textilien lagen und "blau waren", während die Stoffe schön blau wurden.

Sinnigerweise heißt das christliche Werk, das sich heute der Problematik des exzessiven Alkoholgenusses annimmt "Blaues Kreuz".

Mit der Entdeckung der Seepassage nach Indien und der Aufnahme regelmäßiger Handelsreisen dorthin durch die Portugiesen kam ab dem 16. Jahrhundert ein neues blaues Pigment nach Europa: Indigo (griechisch Indikon = Substanz, die aus Indien kommt), das aus der Indigo-Pflanze (lat. indigofera tinctoria) gewonnen wurde.

Im Ursprungsland wurde der Farbstoff "nilah" genannt, aus dem dann die Bezeichnung "anil" wurde, die bis heute im Portugiesischen und Französischen erhalten blieb. (anil engl., port., franz.: Indigo oder Indigo-Pflanze)

Durch bessere Lichtbeständigkeit und günstigere Preise verdrängte es schnell das Waid in der Beliebtheit und verhalf damit auch der Farbe Blau zu größerer Verbreitung.

Der letzte entscheidende Schritt für den globalen Siegeszug der Farbe Blau erfolgte dann von Deutschland aus. 1878 gelang es dem Chemiker Adolf Bayer zum ersten Mal, Indigo synthetisch zu erzeugen. Nach weiterer kostspieliger Forschung, die fast zum Konkurs geführt hätte, entwickelte die "Badische Anilin- und Sodafabrik" ein geeignetes Herstellungsverfahren für synthetischen Indigo. Der Preis dafür am Markt lag 20 % unter dem der natürlich gewonnenen Pigmente. Während um 1900 noch jährlich 1.000 Tonnen Natur-Indigo im Wert von acht Millionen Mark eingeführt wurden, war Deutschland bereits 1913 zum weltgrößten Indigoexporteur geworden. Spätestens zu dieser Zeit wurde dem Blau die letzte Exklusivität geraubt, wie heute die globale Verbreitung von "Bluejeans" und "Blaumann" beweisen.

Eine vergleichbare Entwicklung machte Blau auch in der Kunst durch. Für Maler wie Michelangelo (1475—1564) und Albercht Dürer (1471—1528) war Blau noch ein besonderer, da kostbarer Farbton. Die Pigmente für Blau wurden aus dem Halbedelstein Lapislazuli, bestimmten Kobaltsalzen und Smalte (mit Kobaltsalzen gefärbtes Glas) gewonnen.

Alle diese Ausgangsstoffe waren schwer zu gewinnen und entsprechend teuer. So verwendet Dürer in seinen Werken Blau sehr sparsam, vor allem für Details, oder hauchdünn für den letzten Auftrag auf Flächen.

Erst mit der Synthetisierung des "Ultramarin" wurde Blau auch für Künstler bezahlbar und in der Moderne stehen die Expressionisten Wassily Kandinsky und Franz Marc mit ihrer Gruppe "Der blaue Reiter" und der Deutschfranzose Yves Klein, der mit seinen monochrom blauen Bildern in den 50er-Jahren noch die Öffentlichkeit schockte, stellvertretend für das Selbstverständnis und die Vorliebe im Umgang mit der Farbe Blau.

Heute ist Blau eine echte Trendfarbe. Mit der Begründung "Blau ist die Farbe der Zukunft" stellte der Softdrink-Riese Pepsi unlängst sein neues Erscheinungsbild, den "Blue Look" vor. "Blue Chips" nennt man die echten Renner unter den internationalen Aktienwerten, und der erste Schachcomputer von IBM, der sich dem Großmeister Kasparow überlegen zeigte, hört auf den Namen "Deep Blue".


Ein Essay zur Farbe Blau von Dietmar Riess.