Die Farbe Grün

Grün ist die Farbe der Hoffnung

Im Laufe der Evolution hat der Mensch seine Sinne geschärft. Und einen ganz besonders: den Sehsinn. Ein Eskimo zum Beispiel kann die verschiedensten Farbtöne bei Schnee unterscheiden. Im Gegenteil dazu dominiert in unseren Breiten ganz klar die Farbe Grün. In der freien Natur bedeutet Grün Nahrung, Wachstum oder Schutz. Grün gibt Aufschluss über Frische und Jahreszeit. Es war und ist die wichtigste Farbe im Überlebenskampf. Und vielleicht ist dieser Zusammenhang der Grund, weshalb unsere Augen für Grün besonders sensibilisiert sind. Meine zumindest, sind es. Und Grün, das ist meine Lieblingsfarbe.

Wie erfrischend ist es, in Grün zu blicken. Etwa in dichtes Gebüsch und zarte Farne, wie sie am Waldesrand stehen. Zuerst ist da vielleicht nur ein Mittelgrün, bald aber erkenne ich zwischen Licht und Schatten mehr und mehr Nuancen: Zarte Blättchen in Maigrün, Grasgrün und Gelbgrün. Dann kräftigere, größere Pflanzen in Moosgrün, Laubgrün und Smaragdgrün. Dahinter die Bäume in Tannengrün, Oliv und bald schon gehen mir die Namen aus.

So wie sich manche Menschen beim Blick aufs Meer verlieren, passiert mir das regelmäßig in Wald und Flur. Aber apropos Meer. Wer sagt denn, dass das Meer blau ist? Für mich ist das Meer grün. Morgens ein weiches Minttürkis mit einem leichten Perlenschimmer. Wenn die Sonne am höchsten steht, ist es ein transparentes Lichtgrün. Gegen Abend wird es ein Opalgrün. Und in der Nacht ist es eindeutig Schwarzgrün.

Es verwundert mich nicht, dass in zahlreichen Kulturen zwischen Grün und Blau nicht unterschieden wird. Völker tropischer Regionen wie im südlichen Afrika oder auf Papua-Neuguinea verwenden für beide Farben ein einziges Wort. Und manche "Fahrt ins Blaue" endet dann doch im Grünen.

Nein, ich möchte natürlich nicht ohne Blau leben. Aber Grün, das ist mir eben lieber, gibt mir ein gutes Gefühl. Subjektiv oder evolutionsbedingt? Das ist mir egal.

Wenn ich ehrlich bin, finde ich in einem Blumenstrauß das Grünzeug ebenfalls viel spannender als rote, gelbe oder lila Blüten. Erst der Kontrast macht die Wirkung aus. Was wären beispielsweise Rosen oder Erdbeeren ohne Grün? Ziemlich langweilig, finden Sie nicht? Und warum sind wohl Tafeln in den Schulen und die Spielfelder von Billardtischen grün? Die Farbe soll tatsächlich auf die Augen angenehm wirken und die Kontrastwirkung mit anderen Farben hervorheben. Dadurch soll eine Konzentration auf das Wesentliche erfolgen. Da stimme ich zu 100 % zu.

In der Religion nimmt Grün häufig auch eine wichtige Position ein. Besonders im Islam: Der Prophet Mohammed soll sich am liebsten grün gekleidet haben. Viele Schmuckelemente in Moscheen sind daher grün, ebenso zahlreiche islamische Flaggen, wie die von Saudi-Arabien zum Beispiel.

In Irland steht Grün für den Katholizismus. Am 17. März, dem St. Patrick's Day, ist Grün die vorherrschende Farbe der feiernden Iren in aller Welt. In einigen Städten wie Chicago oder Illinois werden an diesem hohen Tag sogar die Flüsse grün eingefärbt. Im christlichen Abendland wird Grün mit der Barmherzigkeit und dem Anfang des Lebens gleichgesetzt, daher tragen Heilige im Mittelalter häufig einen grünen Mantel.

Gründonnerstag (aus dem althochdeutschen, von "Greinen", was so viel wie Weinen, Wehklagen bedeutet) ist seit dem 12. Jahrhundert die volkstümliche Bezeichnung für den Tag, an dem nach christlicher Überlieferung das letzte Abendmahl stattgefunden hat. So ganz schlüssig sind sich die Gelehrten nicht, ob der Name nicht doch mehr mit der Farbe Grün zu tun hat. So könnte auch die Verwendung grüner Gewänder, Tücher und Wandbehänge oder einfach die Tatsache, dass grüne Kräuter verspeist wurden, Ursprung für die Namensgebung sein.

In der deutschen Sprache kommt meine Lieblingsfarbe jedenfalls nicht zu knapp. Man gibt jemandem grünes Licht oder lobt ihn über den grünen Klee. Man kommt auf einen grünen Zweig oder auf keinen grünen Zweig, ärgert sich grün und blau, ist sich nicht grün, wird grün vor Neid … Ach, du grüne Neune!

Oder wie wäre es hiermit: grüner Tee, das grüne Herz Deutschlands, Grüne Insel, grüne Hölle, grüne Lungen der Großstädte, grüne Weihnachten, grüne Tinte, grüne Tiefe des Meeres, eine grüne Welle haben, die grünen Dächer der Kirchen, das Grüne Gewölbe, die grüne Minna, grüner Star, Mutter Grün, grüne Hochzeit oder über die grüne Grenze gehen. Na, kennen Sie alle Ausdrücke? Die Wurzel des Wortes "grün" liegt in dem alten Wort "ghro", was so viel wie "wachsen" und "gedeihen" bedeutet. Die Verwandtschaft des englischen Wortes "grow" mit "green" ist nicht von ungefähr.

Mithilfe von Sonnenlicht und Kohlenstoffdioxid produzieren Pflanzen lebensnotwendigen Sauerstoff und Stärke. Der Zauberstoff für den Prozess der Fotosynthese ist der grüne Farbstoff Chlorophyll, auch Blattgrün genannt, der die Fähigkeit besitzt, anorganische Stoffe in organische umzuwandeln.

Grün kann durch subtraktive Farbmischung aus Blau und Gelb hergestellt werden. Insofern vereint sie das Geistige der Farbe Blau mit der emotionalen Wärme der Farbe Gelb. Beides zusammen schafft angeblich Wachstum und Weisheit. Die Farbe Grün ist aber auch Symbol für Unerfahrenheit: Wer war noch niemals grün hinter den Ohren oder kennt keinen Grünschnabel in seiner Umgebung? Aufgrund ihrer Naturnähe wirkt die Farbe Grün im Gegensatz zur anregenden Wirkung der Farbe Rot beruhigend und harmonisierend. Aus diesem Grund war sie früher die beliebteste Farbe für Wohnzimmer und Salons.

Das dunkle "Braunschweiger Grün" erlangte ab der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bleibende Berühmtheit. Dank der familiären Verbindung des englischen Königshauses mit dem Hause Hannover wurde diese Farbe jenseits des Kanals zunächst für Dampflokomotiven verwendet, um dann unter der Bezeichnung "British Racing Green" im internationalen Motorsport die typische Lackierung für die Rennwagen von der Insel zu werden. Bis heute ist diese unaufdringliche Farbe Sinnbild für britisches Understatement geblieben und bringt dadurch den Fahrern solcher Wagen angeblich weniger Strafzettel ein.

Der expressionistische Maler Wassily Kandinsky (1866—1944) schenkte dem Grün aber seine Missachtung. Die Farbe sei aufgrund ihrer passiven Wirkung ein "beschränkendes Element" und daher die Farbe der "Bourgeoise": Das Grün sei "wie eine dicke, sehr gesunde, unbeweglich liegende Kuh, die nur zum Wiederkäuen fähig mit blöden, stumpfen Augen die Welt betrachtet." Grün, das ist auch die Farbe des Giftes. Die Symbolik von Giftgrün ist auf die Herstellung von grünen Farben zurückzuführen, denn dazu waren oftmals giftige Stoffe notwendig.

In der Pflanzenmedizin ist das wieder anders: Die positive Heilwirkung der Farbe Grün für Körper und Seele wurde bereits von Hildegard von Bingen, einer führenden Ärztin des Mittelalters, erkannt. Mit Grün werden alte Vorstellungen überwunden, ein Neubeginn steht an. Deshalb ist Grün die Farbe der Hoffnung. Nach einem langen Winter, wenn sich Grün bereits von uns verabschiedet hat, bedeutet das Aufkeimen der Saat nicht nur die Aussicht auf eine gute Ernte, sondern den Erhalt allen Lebens. Grün ist die Farbe der Jugend und des Wachstums. Und bevor Weiß in Mode kam, war Grün lange Zeit die typische Farbe für Brautkleider.

Im alten Ägypten und auch in China war Grün die heilige Farbe der Hoffnung und des Frühlings. Der Geburtstag des japanischen Kaisers Hirohito wird als "Grüner Tag" gefeiert, da dieser die Pflege seines Gartens so liebte. Damit ist er gewiss nicht alleine. Und ich bin bestimmt auch kein seltenes Exemplar, weil ich mir bei Streifzügen durch die Natur neue Energie hole. Und Sie? Was sind Ihre Assoziationen mit Grün? Lebendig, natürlich, jugendlich und positiv? Oder unreif, giftig und negativ?


Ein Essay zur Farbe Grün von Mareike Knips und Dietmar Riess.