Die Farbe Rot
Rot ist die Liebe
"Rot" und "Liebe" ist die wohl häufigste Assoziation mit einer Farbe, die rein wissenschaftlich eine Wellenlänge von 650–750 nm besitzt.
Wenn ich an Liebe denke, sehe ich ein rotes Herz vor mir. Keines in Grün oder Orange. Und Sie?
Rote Lippen muss man küssen, Verliebte schenken sich rote Rosen und es sind die liebsten Komplimente, die uns erröten lassen. Rot, das ist Leben, Kraft, Energie. Unweigerlich reagieren wir auf rot dekorierte Räume. Im Schlafzimmer soll man es bekanntlich meiden, weil es vor dem Schlafen zu sehr anregt. Andere machen sich eben diese Eigenschaft zunutze.
Aber auch eine rote Küche kann entzücken. Die bloße Wahrnehmung der Farbe Rot erhöht den menschlichen Stoffwechsel um 13,4 %, der Blutdruck steigt und der Appetit wird angeregt.
Wem läuft nicht das Wasser im Mund zusammen, wenn er an frischen, roten Erdbeerkuchen mit Sahne denkt, an einen zuckersüßen Liebesapfel auf dem Jahrmarkt oder an die zarten Schokomänner zur Weihnachtszeit?
Seit ich in meiner signalrotgestrichenen Wohnküche esse, schmeckt nicht nur alles besser, auch die Abende mit Freunden sind viel geselliger.
Nicht immer muss alles rot sein: Gerade vereinzelt, als Accessoire oder besonderer Akzent, zieht Rot die Blicke alarmierend auf sich. Rot als Signalfarbe oder "Alarmstufe Rot" wird auch im Tierreich erfolgreich zur Arterkennung, bei der Balz oder als Warnfarbe eingesetzt.
Zu einem der kostbarsten Töne gehört das leuchtende Purpur. Es strahlt Extravaganz und Luxus aus. Schon seit der Römerzeit gebührt es nur dem Staatsoberhaupt, ein rotes Gewand zu tragen. In der Natur kommt Purpur auffallend selten vor. Bis heute gilt es als teuerster Farbstoff überhaupt.
Von Korallenrot bis Ziegelrot gibt es unendlich viele Nuancen.
Zählen Sie doch mal die unterschiedlichen Töne auf einem herbstlichen Waldspaziergang!
Als Kind sagte man mir bei einem rosaroten Sonnenuntergang im Winter, das Christkindchen backe Kuchen. Später bemerkte ich, dass auch ein Sommerabend eindrucksvolle Farbgemische zaubern kann, vom blütenzarten Rosa über leuchtendes Orange bis hin zu dunkelstem Lila.
Aber erst wenn die feuerrote Sonne im dunkelblauen Meer versinkt, verstehen wir, welch atemberaubende Kontraste uns Rot zum Himmel und zur Landschaft schenkt.
Solche Naturschauspiele, die man besonders im Urlaub genießt, veranlassen Menschen dann oft zu heftigsten Gefühlsregungen. Daher wohl die zahlreichen Liebesbriefe, die tagtäglich von Süd nach Nord und Ost oder West kursieren.
Aufgrund seiner wohltuenden und wärmenden Wirkung wird Rot als Infrarotstrahlung zu Heilzwecken eingesetzt.
Die Lieblingsfarbe der Kinder ist auch Farbe der Gefühlsausbrüche: Barnett Newmans Gemälde mit hohem Rotanteil wurden von Betrachtern angegriffen und beschädigt. In der Psychotherapie macht man sich diese Eigenschaft zunutze, um Blockaden zu lösen.
Die Stierkämpfer in Spanien reizen die Stiere mit roten Tüchern. Trugschluss, denn Stiere sind farbenblind. Sie reagieren lediglich auf die Bewegung der Toreros.
Viel lieber sehe ich in Spanien "tinto" auf dem Tisch und in einem Dekanter. Aber auch in Frankreich oder Italien ist der Trank der Götter verlockend.
In unserem tagtäglichen Sprachgebrauch ist das Wort Rot nicht mehr wegzudenken: "roter Faden", "rotes Tuch", "rote Zahlen" oder "rot sehen".
Im christlichen Glauben wurde Adam aus roter Erde geschaffen, "adama", ist im Hebräischen von der gleichen Wurzel hergeleitet wie die Worte für "rot" und "Blut". So wird die rote Rose am Kreuz mit dem vergossenen Blut Christi in Verbindung gebracht. In sämtlichen Kulturen weltweit spielt Rot noch bis heute eine bedeutende Rolle: Nach der griechischen Sage sollen rote Rosen aus dem Blut des Adonis, der auf der Jagd von einem wilden Eber getötet wurde, entstanden sein.
Bei den Griechen war die Rose Sinnbild für Wachsen und Vergehen in der Natur, aber auch für Liebe und Zuneigung. Sie war der Aphrodite, der griechischen Liebesgöttin und Tochter des Zeus und der ihr entsprechenden römischen Göttin Venus geweiht.
Das Tragen roter Bänder oder Tücher gehörte bei vielen Völkern zu den Hochzeitsbräuchen, so auch im alten Rom: Die Bräute wurden mit einem feuerroten Tuch umhüllt, dem "flammeum", welches Fruchtbarkeit und Liebe garantieren sollte. Heute noch tragen in Europa die neugriechischen, die albanischen und armenischen Bräute rote Brautschleier.
In China wird die Braut in einem roten Brautkleid und einer roten Sänfte zum Ort der Hochzeitsfeier getragen. Dort schreitet sie auf einem roten Teppich ihrem Bräutigam entgegen und dieser begrüßt sie, indem er ihren roten Seidenschleier hebt. Wenn ein Kind geboren wird, überbringen die Nachbarn dem glücklichen Paar rote Eier, als Zeichen für Glück und Wohlergehen.
Rote Eier bringt bei uns nur der Osterhase.
Die Wirkung der Farbe Rot wurde in der Vergangenheit immer wieder für politische Zwecke eingesetzt. Sie ist die häufigste Farbe der Flaggen, da sie von Weitem am besten gesehen wird. Bis zur Französischen Revolution bestimmte in Europa eine Standes-Kleiderordnung, wer welche Farben tragen durfte. Reines Rot war ausschließlich den Reichen aus dem Adelsstand vorbehalten. Noch heute tragen die Richter des Bundesverfassungsgerichtes einen Talar aus roter Wolle.
Aber auch eine weitere Berufsgruppe hat sich bis heute die rote Kleidung gesichert und ist weltweit als "Santa Claus", "Father Christmas", "Père Noël" oder "Väterchen Frost" bekannt.
Im Kalender sind die Sonntage und Feiertag rot angestrichen. Das ist meiner Meinung nach das schönste Kompliment, das man einer Farbe machen kann. Finden Sie nicht?
Ein Essay zur Farbe Rot von Mareike Knips.